Presse

 

Gießner Allgemeine 09. August 2014

 

 

 

 

Katja Gußmann in der Frankfurter Neue Presse 2013

 

 

 

 

 

 

 

Gießner Allgemeine 09. August 2014

 

 

Der Rote Faden ein Protrait von Katja Gußmann in der Franfkruter Neuen Presse August 2013

 

Der Stadtverführer

Der rote Faden zieht sich durch die Stadt. Er ist das Symbol der Frankfurter Neuen Presse – und verbindet Menschen, die Besonderes für Frankfurt leisten. Jeden Samstag stellen wir einen von ihnen vor – und geben dann den roten Faden weiter. Folge ??: Christian Setzepfandt. Stadtführer seit 36 Jahren, lässt Frankfurt sein profundes Wissen auch als Stadtrat zugute kommen.

Die Haare trägt er raspelkurz, Jeans, Turnschuhe, dazu ein schwarzes Polohemd, dessen Ärmelbündchen in steter Gefahr leben. Bedroht von diesen Oberarmen, die, mit einer falschen Bewegung, die Nähte sprengen könnten. Die vom Hantelstemmen im Fitnessstudio erzählen, aber auch vom Spaten, den sie neulich erst mit all ihrer Kraft in den Boden gerammt haben, um Pflanzlöcher für die Rosen im Seckbacher Garten auszuheben.

Derweil das Auge des Betrachters auf den beeindruckenden Bizeps Christian Setzepfandts ruht, erfreuen sich die Ohren des Klangs seiner Stimme. Ihr ist anzuhören, dass sie geschult wurde. Ein notwendiges Training für das wichtigste Arbeitsinstrument des Stadtführers. Tagtäglich ist es im Einsatz, um Gruppen von Touristen ebenso wie Einheimischen die Stadt am Main mit ihren offensichtlichen wie verborgenen Schätzen näher zu bringen. In wohltönender Lautstärke trägt Setzepfandt seinen Zuhörern profundes Wissen über seine Heimatstadt vor. Am heutigen Tag ist es Rosemarie Nitribitt, von der er erzählt. Das leichte Mädchen, das als elegante Edelhure in den 50er Jahren einen Hauch von Glamour auf Frankfurts Straßen brachte, die ihr Bett mit den Großen und Wichtigen ihrer Zeit für Bares teilte und 1957 mit einem Aschenbecher in ihrer Wohnung am Eschenheimer Turm erschlagen wurde.

Setzepfandt steht mit rund 40 interessierten Menschen vor dem Haus, in dem das nie aufgeklärte Verbrechen geschah. Erzählt von Müllschlucker und Zentralstaubsauger der Nitribitt-Wohnung, dem Inbegriff von Modernität zur damaligen Zeit. Er muss es wissen, sein Vater, ein Architekt, war involviert in den Bau des Hauses. Sein Insiderwissen kommt gut an. Vor allem, weil es so gekonnt pointiert vorgetragen wird. Da kann Setzepfandt auch bei den eschten Frankfordern punkten, wenn er im richtigen Moment seine zweite Muttersprache anknipst und im lokalen Idiom ein Witzchen macht. Oder, gerade noch die Zuhörerschaft mit Fakten und Informationen einlullend, plötzlich verbal den Revolver zückt und mit eindringlichem Blick, der keinen Widerspruch duldet, das Wort „Fragen?“ in die Menge schießt. Es heben sich in etwa so viele Arme wie beim Aufruf für Kandidaten zur Elternbeiratswahl. Aber, erklärt Setzepfandt, Scherz beiseite: „Zwei Fragen - pro Gruppe, nicht Person - seien in seinem Honorar auf jeden Fall inbegriffen“. Ein befreiendes Lachen geht durch die Herde der Schäfchen, die der Hirte nun weiter durch die Straßenschluchten Frankfurts treibt.

So viel Souveränität im Umgang mit völlig fremden Menschen kommt nicht von ungefähr. Charme und trockenen Humor bringt er von Haus aus mit. Dazu gesellen sich mittlerweile 36 Jahre Erfahrung als Stadtführer. Eine Zeit, in der sich der studierte Kunsthistoriker mit wissenschaftlicher Akribie in seine Themen eingearbeitet und das Ein-Mann-Unternehmen „Kultours“ gegründet hat. Sein schmales Arbeitszimmer mit Ausblick auf den Bethmannpark birgt einen wahren Schatz großteils antiquarischer Bücher über Frankfurt. Bis unter die Decke reichen die Regale längs der Wände, dicht an dicht bestückt mit Wissenswertem über Frankfurt, thematisch wohlsortiert. Das ist kein Zimmer, vielmehr eine Art Frankfurt-Cocon, in den Setzepfandt sich zurückzieht, um seine Ideen zur Stadt in Bücherseiten zu verwandeln. Jüngst ist der dritte Band der „Unorte“ geschlüpft: Zusammen mit Co-Autor Frank Berger hat er 103 geschichtsträchtige Orte aufgespürt und anekdotenhaft beschrieben. Eine unterhaltsame Frankfurtlektüre, gerade auch für Einheimische. Immer wieder ersinnt Setzepfandt auch neue Führungen, für die er nicht nur Touristen gewinnen will. Wenn er zum „Stöffsche“-Rundgang zu den Ebbelwoikneipen einlädt, folgen ihm viele Ureinwohner der Mainmetropole. Und lernen immer noch etwas dazu. Sein Stil hat nichts zu tun mit dem Schirm, der in die Höhe gereckt eine Schar Menschen von einem Fotomotiv zum nächsten führt. Nein, Setzepfandt  ist ein „Stadtverführer“, so bringt es ein guter Freund von ihm auf den Punkt. Einer, der Touristen wie Frankfurter humorvoll intelligent dazu anleitet, sich mit der Stadt auseinanderzusetzen. 

Seit 2011 macht er das auch auf politischer Ebene. Grünen-Politiker Stefan Majer fragte ihn, ob er sich vorstellen könne, als ehrenamtlicher Stadtrat aktiv zu werden. Parteilos bis heute, aber den Grünen durchaus zugeneigt, sagte er ja. Freunde warnten ihn, den Vielbeschäftigten, sich nicht noch mehr aufzuhalsen. Er schlug die Warnungen in den Wind und geht seit dem, wann immer er es schafft, Mittwochs in die Fraktionssitzung und jeden zweiten Freitag zur Magistratssitzung. „Ich dachte, wenn sich jemand 36 Jahre seines Berufslebens mit der Stadt beschäftigt und so nah an der Stadt dran ist, dann ist das geradezu meine Pflicht.“ Was tatkräftiges Engagement ist, weiß Setzepfandt da schon von seinem Einsatz für die Aidshilfe, für die er seit vielen Jahren ehrenamtlich im Vorstand arbeitet. 2007 schafft er es als Organisator, die größte „menschliche AIDS-Schleife“ mit 4000 Teilnehmern rund um die Hauptwache zu binden. 2008 weiht er auf dem Hauptfriedhof das erste Gemeinschaftsgrab für Menschen ein, die an HIV und AIDS gestorben sind. Dieses Knowhow kommt ihm jetzt als Stadtrat zugute. Ganz aktuell organisiert er im Rahmen seiner politischen Täigkeit eine Tagung zum Thema „Zukunft der Friedhöfe“. Schließlich hat er auch ein Buch über den Hauptfriedhof veröffentlicht. „Als Stadtrat macht es doch Sinn, dass ich mich in den Bereichen engagiere, in denen ich mich auskenne“, sagt er ganz pragmatisch. So humorvoll er seine Führungen leitet, so ernsthaft arbeitet er in seinen Ehrenämtern.

Für die Aidshilfe organisiert er schon seit fast zwei Jahrzehnten den Welt-Aids-Tag, der jährlich am 1. Dezember begangen wird. Die Vorbereitung war gerade in den Anfangsjahren sehr arbeitsintensiv und mündete in wöchentliche Treffen mit den Mitstreitern. Eine liebgewonnene Tradition, die in Setzepfandts Leben bis heute Bestand hat. „Wir treffen uns immer noch zum Montagsstammtisch. Wie das ältere Herren so machen“, grinst er. Sitzt auf dem winzigen Balkönchen seiner Wohnung, erholt sich von den Führungen des Vortags. Naschereien aus der Kleinmarkthalle auf dem Tisch, Tee aus Höchster Porzellan, umrahmt von Geranien, erzählt er, wie wichtig ihm die Gespräche mit seinen Freunden sind.

Freunde sind es auch, die ihm den dringend nötigen Halt geben, als er schwer krank wird. 1997 trifft ihn die Diagnose Krebs. Er ist 40 Jahre alt, unterzieht sich einer Chemotherapie in vier Zyklen. Legt sich ins Bett, schläft, ruht sich aus. Steht wieder auf und macht die nächste Stadtführung „mit Chemo im Kopf“, sagt er. Die Krankheit diszipliniert ihn enorm. „Ich finde, Krankheit ist, ohne das zu idealisieren, eine Art Chance.“ In dieser schwierigen, körperlich wie psychisch anstrengenden Zeit geht für ihn eine langjährige Beziehung in die Brüche - und findet eine neue ihren Anfang. Seit 15 Jahren ist Setzepfandt jetzt mit seinem Freund zusammen, der bei einer Bank arbeitet. „Ein ganz verrückter Abba-Fan“, lächelt er und zeigt auf ein gerahmtes Original-Autogramm der Schweden, das er ihm geschenkt hat. Setzepfandt selbst steht mehr auf Marlene Dietrich, aber nicht ganz so fanatisch. Die Wohnung teilen sie sich nicht, aber ihren Garten in Seckbach, den sie sich erst im vergangenen Jahr zugelegt haben. Hierhin ziehen sie sich zurück, um auszuspannen, um Rosen zu pflanzen, die Blumen zu gießen, Freunde einzuladen. Das ist ihr Gegenprogramm zum arbeitsreichen Innenstadtalltag. 

„Meine Mutter hat mir vorgelebt, dass man auch schwierige Zeiten durchstehen kann“, erklärt er seine positive Grundhaltung zum Leben. „Sie hat mir das Gefühl gegeben, dass ich die Dinge richtig mache.“ Erst vor zwei Jahren ist sie gestorben. Setzepfandt hat sie fünf Jahre lang gepflegt, hat die Demenz begleitet, ausgehalten. Eine kluge Frau, die Philologie studiert hatte, einen Architekten heiratete. Die Familie wohnte im Westend, das damals noch nicht so großbürgerlich war wie heute. 1966 zerstört eine Affäre des Vaters das Familienglück: Scheidung. Die Mutter sucht sich eine Arbeitsstelle, Christian bekommt einen Schlüssel um den Hals gehängt. „Mit neun Jahren habe ich mittags für uns gekocht“, erinnert er sich an diese für ihn und seine jüngere Schwester einschneidende Zeit. Er wird schnell selbstständig.

Als Linkshänder und Legastheniker hat es der Junge allerdings nicht leicht im Deutschland  der 60er Jahre. Er besucht die Peter-Petersen-Schule. „Da waren im Lehrerzimmer rosa und hellblaue Deckchen auf den Tischen und die Lehrer saßen nach Geschlechtern getrennt“ erzählt er, noch immer amüsiert von dieser Vorstellung. Aber es war zu der Zeit die einzige Schule Frankfurts, die sich auf Kinder mit Legasthenie eingestellt hatte. Die Straßenbahnlinie 13 über Mainzer Landstraße und Opernplatz bringt ihn täglich zur Schule. Später wechselt er auf das Oberstufengymnasium Bockenheim-Süd. Ein Kontrastprogramm. Er erlebt dort den freien, wilden Geist der 70er Jahre. „Alle haben sich geduzt“, erinnert er sich, zwischen Lehrern und Schülern geht es locker zu. Der Legasthenie zum Trotz schreibt er sein Abi, mit der rechten Hand, wie es sich gehört.

Stadtführer wird er schließlich, weil er sich mit einem Job sein Studium selbst finanzieren muss. Und mit Frankfurt ist er vertraut. Die Jahre, in denen das Westend von Bauspekulanten bedroht und teils abgerissen wird, die Häuser besetzt werden, prägen Setzepfandts Stadtgefühl. Vielleicht auch den Wunsch, die Erinnerung an die Stadt, wie sie einmal war, wachzuhalten. Mit den Führungen gelingt ihm das ganz unmittelbar. Er entdeckt sein Talent dafür, seine Chefs erkennen es auch. Mit 21 Jahren geben sie ihm den Auftrag, eine Führung für ehemalige jüdische Bürger Frankfurts zu leiten. Als jüngster Stadtführer scheint er am besten dazu geeignet, unvorbelastet den jüdischen Gästen ihre alte Heimatstadt zu zeigen. Setzepfandt erfüllt diese Aufgabe so gut, dass er bis heute der Mann für die Führung der Gäste aus Israel geblieben ist. Inzwischen ist es die Kinder- und Enkelgeneration, die er durch die Straßen Frankfurts geleitet. „Rund 400 Führungen mache ich im Jahr. Aber diese sind für mich die bewegendsten“, sagt er. Am nächsten Tag wird er wieder eines seiner schwarzen Polohemden aus dem Schrank holen und einmal mehr seine Gäste zum Zuhören über Frankfurt verführen.

Katja Gußmann